Eine Begegnung

Ich hatte heute ein Erlebnis dass ich als Omen deuten möchte. Ich saß in der Straßenbahn 102 von der Haltestelle Waldschlösschen bis Schloss Broich wo ich immer umsteige um heim zu kommen. Zwei Haltestellen nach Waldschlösschen, an Broich Friedhof steigt eine Alte Dame ein, die ungelogen mindestens 90 war. Sie sah aber nicht aus wie alte Damen heute, sonder wie eine aus den 50er Jahren. Sie Trug ein braunes Kostümchen, das zwar gepflegt war, aber etwas zu groß, einen passenden Hut, einen braune Perücke dazu (mit so einer Außenrolle, wie Frauen das früher trugen) und Handschühchen. Kaum hatte sie sich gesetzt , da strahlte sie mich an mit einer Herzlichkeit, wie es sonst eine Großmutter tut. Darauf folgte ein Dialog, den ich hier aufschreiben möchte;

Alte Dame; "Guten Tag!"

Ich; "Guten Tag."

Alte Dame (lacht über das ganze Gesicht); "Sie gefallen mir. Weil sie jung sind."

Sie sieht mich an und lächelt und fährt fort

"Nicht falsch verstehen, ich meine weil Sie so nett lächeln. Ich komme hier herein und sie machen mir Platz und lächeln so freundlich, es ist heute nicht oft der Fall dass..." sie sucht nach Worten "jemand auf Anhieb so freundlich ist."

Ich (etwas verunsichert); "Schön dass wir uns verstehen"

Alte Dame; "Wissen Sie, heute ist nicht mein Tag. Ich bin wie ein Igel mit den Stacheln nach innen. Da heitert mich ein freundliches Gesicht auf."

(ich weiß nicht, was sie mit dem Igel gemeint hat)

Ich; "Kommen Sie vom Friedhof? Da bin ich auch immer traurig."

Alte Dame;"Ach wissen Sie , es ist manchmal so belanglos, was ich sage. Ich komme aus Berlin, da sind wir so, ich muss immer sagen was ich denke. Wir regen uns immer auf. Aber eine schreckliche Regierung haben wir ja auch." Wieder lacht sie übers ganze Gesicht.

Ich; "Ich sage auch immer was mir so einfällt. Das macht einigen Leuten Probleme mit mir." und grinse sie an.

Alte Dame; "Sind sie entschlossen?"

Ich; "Wie bitte?"

Alte Dame; "Haben Sie eine Zukunftsperspektive?"

Ich (zögerlich); "Ja"

Alte Dame; "Das freut mich sehr für sie, ich war auch entschlossen, hatte einen Beruf, den ich liebte" sie sagt das so voll ehrlicher Freude, dass ich ergriffen bin. Sie schaut mich lächelnd an und fragt dann; "Kennen Sie Breker?"

Ich; "Wen bitte?"

Alte Dame; "Arno Breker" (sie buchstabierte den Namen mit diesem Wortalphabet, A wie Anton usw) "Bildhauer. Heute verpönt, wegen dem dritten Reich."

Ich; "Aha" und signalisiere Interesse, sie beugt sich vor

Alte Dame; "Ich habe bei ihm studiert, deswegen bin ich rüber gekommen. Er ist verpönt wegen dem dritten Reich, aber bildhauen, das konnte er."

Sie hält inne. Dann fragt sie;

"Was haben Sie für eine Perspektive, wenn ich fragen darf?"

Ich; "Ich möchte Religionspädagogik studieren:"

Sie lächelt abermals und sagt;

"Sowas habe ich mir gedacht." und deutet auf das Kreuz an meiner Kette. "Ich bin Lutheranerin. Meine ganze Familie war lutheranisch. Ich finde das unglaublich toll, was Sie machen. Viele Menschen haben vergessen, dass das geistige Bewusstsein und das irdische Bewusstsein eine Einheit ergeben. Heute ist vieles so anders... sie werden es nicht leicht haben, viele Menschen lachen über sowas."

Spätestens jetzt hat sie mich hellauf begeistert.

"Das sehe ich genauso-" sage ich schnell "-und wissen Sie, wo ich studieren möchte? In Berlin."

Sie steht auf; "Sehen Sie? Die Welt ist klein." und lacht. "Ich muss raus, auf Wiedersehen." wir reichten uns die Hände "Ich wünschen Ihnen von Herzen alles gute."

Ich; "Ich Ihnen auch, Gott schütze Sie."

Alte Dame; "Sie auch."

Sie stieg an der Haltestelle Stadtmitte aus. Sie stand am Bahnsteig und winkte mir strahlend zu als die Bahn abfuhr, ich winkte ebenso freundlich zurück. Die anderen Fahrgäste, die Teilweise Gesprächsfetzen mitbekommen hatten starrten mich an, aber das war mir gleichgültig.

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die Begegnung mit der alten Dame ein Zeichen war. Zuerst dachte ich, sie sei zerstreut, aber sie redete so klar und artikuliert, dass ich diesen Eindruck schnell verlor. Ich glaube, dass Gott mir Sicherheit geben wollte. Sicherheit und mir sagen wollte "Du bist auf dem Richtigen Weg, nutze die Chance". Und er hat mich mit der Alten Dame zusammengeführt um mir das mitzuteilen.

Ich danke dir, Vater! Ich werde gehen. Danke vielmals, ich muss weinen.

Felix


1.6.07 22:39

bisher 6 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Abraxas (3.6.07 20:04)
Wer wirklich gar nichts will als sein Schicksal, der hat nicht seinesgleichen mehr, der steht ganz allein und hat nur den kalten Weltenraum um sich. Wissen Sie, das ist Jesus im Garten Gethsemane. Es hat Märtyrer gegeben, die sich gern ans Kreuz schlagen ließen, aber auch sie waren keine Helden, waren nicht befreit, auch sie wollten etwas, was ihnen liebgewohnt und heimatlich war, sie hatten Vorbilder, sie hatten Ideale. Wer nur noch das Schicksal will, der hat weder Vorbilder noch Ideale mehr, nichts Liebes, nichts Tröstliches hat er!


LePapillon (4.6.07 17:51)
ich weiß nicht, wie ich das verstehen soll... ich habe um einen Fingerzeig gebeten und ihn erhalten. Es fällt mir nicht leicht meine Kindheit, meine Heimat, die auch in den Herzen der Menschen hier zu finden ist, hinter mir zu lassen. Aber manchmal muss man vorwärts gehen, ohne zurück zu blicken. Ich weiß dass es Menschen gibt, die mich sehr lieben, meine Familie und einige meiner besten Freunde und ich bin dankbar dafür. Diese Liebe ist mein Zuhause und sie ist mit mir, wo immer ich bin. Ich gehe einen Weg, es ist kein Schicksal dass ich annehme, denn Gott alleine kennt mein Schicksal. Nun habe ich mich für diese Abzweigung entschieden und ich weiß dass mein Schöpfer mit mir ist und mir Kraft gibt.

PS; Abraxas ist auch der Name des Rabens der "Kleinen Hexe" von Otfried Preußler.


Abraxas (6.6.07 10:16)
Von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr! Nämlich so: eine Wahrheit läßt sich immer nur aussprechen und in Worte hüllen, wenn sie einseitig ist. Einseitig ist alles, was mit Gedanken gedacht und mit Worten gesagt werden kann, alles einseitig, alles halb, alles entbehrt der Ganzheit, des Runden, der Einheit. Die Welt selbst aber, das Seiende um uns her und in uns innen, ist nie einseitig.

Abraxas ist nichts und alles. Freund und Feind. Licht in der Dunkelheit und Erkenntnis im Sein.


LePapillon (6.6.07 18:05)
Jaja... Und das Leben ist wie eine Backpflaume, man kann sie nicht kochen...


Abraxas (6.6.07 18:50)
Danke vielmals, ich muss weinen.


LePapillon (8.6.07 00:12)
Lach doch mal.

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